Subjektive Hörberichte und Hörvergleiche von HiFi-Enthusiasten
Subjektive Hörberichte und Hörvergleiche von HiFi-Enthusiasten

Wisdom Sage L 150

Hallo zusammen,

nach längerer Auszeit geht es hier jetzt weiter.

Wenn der Threadtitel seinen Namen zu Recht trägt, dann liegt das auch an einem Lautsprecher, den ich in diesem Beitrag vorstellen und besprechen möchte. Es handelt sich um einen Lautsprecher der Marke Wisdom. Wisdom ist ein Lautsprecher- und Elektronikhersteller aus dem kleinen Carson City im US-Bundesstaat Nevada und dürfte in Deutschland nur einem kleinen Kreis gut betuchter Homecinemafreaks und Highender bekannt sein.

https://www.wisdomaudio.com

Aufmerksam wurde ich auf diese Marke eher durch Zufall bei der Suche nach Magnetostaten. Und in der Tat ist das zentrale Element der Klangwiedergabe die magnetostatische Schallerzeugung. Ähnlich wie bei Magnepan (die 20.7 wurde hier ja schon vorgestellt) befinden sich die Leiterbahnen auf einer Trägerfolie, der eigentlichen Membran, und werden im Feld starker Dauermagneten durch das Tonsignal zum Schwingen gebracht. Damit endet aber auch schon die Gemeinsamkeit mit Magnepan. Planare magnetische Treiber (PMD) nennt Wisdom das, was aber nichts anderes als das Prinzip des klassischen Magnetostaten ist.

Während bei Magnepan eine große Folie zum Schwingen gebracht wird, ist es bei Wisdom ein kleines Element, davon aber pro Lautsprecher sehr viele. Weiterhin ist die Folie bei Wisdom gefaltet und besteht nicht aus Mylar sondern aus einem anderen, laut Wisdom besser geeigneten Kunststoff. Und zu guter Letzt sind Wisdom Lautsprecher keine Dipole, sondern arbeiten nur nach vorne in einem geschlossenen Gehäuse. Spätestens als ich zur Kenntnis nahm, dass diese Lautsprecher einen Wirkungsgrad von 96 dB – 100 dB/2,83 V/1 m aufweisen und bis zu 130 dB Schalldruck abliefern können, was in der Größenordnung von PA-Treibern liegt, war mein Interesse nachhaltig geweckt.

Ein erstes Gespräch mit dem deutschen Vertrieb in Berlin brachte dann auch gleich eine erste Ernüchterung. Das einzige Highendstudio, das er mir zu Vorführzwecken anbieten konnte, befindet sich in Starnberg am Starnberger See. Für jemanden, der in Norddeutschland wohnt, eine ziemliche Entfernung. Aber was soll’s, ein Termin wurde gefunden, und das Ganze in eine Kulturreise mit meiner Frau entlang der romantischen Straße eingebettet und schon wurde aus der ganzen Sache ein Fünftagesevent.

Es geht konkret um die Wisdom Sage L 150, das drittgrößte Modell des Wisdomportfolios. Die beiden Topmodelle, Wisdom LS3 und LS4, sind in Deutschland nicht vorführbereit.
Bevor ich fortfahre noch eine Bemerkung zu My Sound in Starnberg. 

https://my-sound.net

In meiner gesamten Hifi-Karriere habe ich noch kein Studio kennengelernt, das derart perfekt ist. Jeder Raum ist akustisch aufwändig, teuer, kurzum perfekt behandelt, die Gerätschaften, die man dort hören und erwerben kann, sind allesamt highendig und hochpreisig, die Beratung fachkundig und das Ambiente einzigartig. Das ändert zwar nichts an meinen generellen Vorbehalten zur Preisgestaltung im Highend, aber es macht verständlich, warum sich gut betuchte Highender schon am Anblick solcher Pretiosen erfreuen können.

Doch kommen wir nun zum eigentlichen Objekt der Begierde, der Wisdom Sage L 150.

https://www.wisdomaudio.com/products/c150m/

Es handelt sich wie man sehen kann um vier schmale Line Arrays (zwei pro Kanal) von ca. 2 m Höhe. Pro Kanal ein Line Array aus Magnetostaten für den Mittel-/Hochtonbereich und ein Line Array von insgesamt 12 kleinen Basstreibern. Dazu kommen zwingend erforderlich ein Subwoofer SCS oder STS, Endstufen und DSP. Nur in diesem Komplettpaket kann das Ganze betrieben werden. Um nicht zu ausschweifend zu werden, empfehle ich dem, der noch mehr Details wissen will, die Internetseite von Wisdom zu studieren. Beim Anblick der Lautsprecher wird deutlich, dass Wisdom vornehmlich für den Tophighendbereich im Heimkinosegment entwickelt und produziert. Die Lautsprecher werden nämlich direkt an die Wand montiert und mit einem speziellen schalldurchlässigen aber blickdichten Stoff abgedeckt. So war dann auch mein Erlebnis beim Betreten des Hörraums. Was Ihr hier sehen könnt, ist nichts, zumindest nichts, was auch nur im Entferntesten an eine Hifianlage erinnern könnte. Alle Lautsprecher und die gesamte Elektronik sind für den Hörer unsichtbar montiert. 

Das Foto habe ich mit meinem Handy direkt hinter dem Hörplatz aufgenommen. Der Raum selbst hat die Maße von ca. 5 m Breite und 10 m Länge, das Stereodreieck ca. 3,5 m Schenkellänge, also ähnlich wie bei mir zu Hause. Gehört habe ich eine Reihe eigener Musiktitel, die ich sehr gut kenne, und die auf den Server von My Sound überspielt wurden. Bedient habe ich den ganzen Event von ca. 2 Std. mit einem Tablet. Der Chef ließ mich dann auch nach wenigen Minuten alleine, was ich als sehr angenehm empfand. Ich erspare mir jetzt die Nennung aller Titel, die ich zu Gehör bekam, und fasse meine Eindrücke zusammen.

Vom Klangcharakter einer Magnepan 20.7 ist der Sage L 150 so weit entfernt, wie der Nordpol vom Südpol. Keine dezente, schwerelose Klangentfaltung mit irrealer holographischer Bühne und Tiefenstaffelung, sondern Druck und Gloria im allerbesten PA-Sinne. Was diese Magnetostaten an Druck und Dynamik heraushauen, liegt auf dem Niveau guter Hornsysteme. Die insgesamt 24 Basstreiber schließen sich dem nahtlos an. Beim Subwoofer allerdings glaubte ich zu hören, dass es ein Subwoofer für Kinoanwendung ist. Tiefgang und Pegel ohne Ende, aber die Präzision großer PA-Subwoofer erreichten sie nicht ganz. So wurde das böse Grollen der Orgelpfeiffen auf Dorian, Ocean Groove, Suite Gothique nicht ganz so böse wiedergegeben, wie ich es kenne, sondern eher etwas weichgespült. Dieser Eindruck verfestigte sich bei Telarc, Fanfare for the common man, die ja bekanntlich vom brutalen Einsatz der großen Orchestertrommel gekennzeichnet ist. Dieses Defizit ist subtil aber doch wahrnehmbar, wenn man es anders gewohnt ist. Die große Stärke des Systems ist der Mitteltonbereich, der an Dynamik und Klarheit wohl kaum zu überbieten ist. Die Höhen stehen dem kaum nach. Geigen, Trompeten und menschliche Zischlaute kommen prägnant ohne zu nerven oder lästig zu werden. Das System scheint keine Dynamik- oder Verzerrungsgrenzen zu kennen, zumindest nicht in einem Pegelbereich, den man sich zu Hause zumuten sollte. Wenn ich bei vorangegangenen Besprechungen immer wieder auf einzelne Defizite eingegangen bin, z.B. bei Manger C1 und Magnepan 20.7 im Bass, dann sucht man hier nach derartigen Defiziten vergeblich. Diese Lautsprecher können jedwede Art von Musik in nahezu beliebigem Pegel klar und unverzerrt spielen.

Gewöhnungsbedürftig sind allerding drei Punkte, die mir bei jedem Titel aufgefallen sind.

  • Man sieht keine Lautsprecher. Das klingt banal, ist aber ungewohnt, und für Leute, die ihre LS – Skulpturen gerne vor sich sehen, ein No – Go. Die Musik kommt einfach als große Soundwall aus dem Nichts, bzw. aus der Wand.
  • Die Stereobreite ist eher eng, zumindest enger als ich es bei mir kenne. Dadurch wirkt das ganze Geschehen kompakter, was aber nicht zu Lasten der Detailfülle geht.
  • Die räumliche Tiefe ist konstruktionsbedingt (Wandmontage) begrenzt. Der Klang kommt eher flächig aber mit großer Macht und erinnert dadurch aber mehr an „Live“ als unsere holographischen 3-D Bilder, die wir bei freier Aufstellung gewohnt sind.

Bei Multichannelanwendung mag das keine Rolle spielen, im Stereobetrieb kann es für Manchen zumindest ein Problem sein.
Man kann jetzt darüber philosophieren, ob ein 2 m hohes Line Array bei einem Hörabstand von 3,5 m sinnvoll ist. Schließlich kann sich jeder nach Pythagoras leicht ausrechnen, wie groß der Wegunterschied zum Hörplatz zwischen dem mittleren MHT-Segment und den beiden anderen Segmenten ist. Hier sind Phasenfehler eigentlich unvermeidlich. Line Arrays machen ja bekanntlich da Sinn, wo große Entfernungen beschallt werden müssen, nämlich im PA. Aber wie dem auch sei, das Klangerlebnis war fulminant. Leider trifft das auch für die Preise zu, die man bedienen muss, wenn man so ein System bei sich haben will, vorausgesetzt man verfügt über eine geeignete freie Wand und einen entsprechend großen Raum.

Der Endkundenpreis für 1 Stück Wisdom Sage L 150 beträgt 26 775 €. Da liegen wir schon mal bei  53 550 € Stereo. Das Gesamtpaket mit kleinem Subwoofer, Verstärkern und DSP liegt bei 98 651 €.
Das sieht jetzt auf den ersten Blick sehr viel aus, ist es auch, wenn man bedenkt, dass man dafür auch schon ein Auto der Oberklasse bekommt. Aber Highend-Kalkulationen ticken anders. Wenn ich mir die Preise anderer Highend-Hersteller anschaue, die im  mittleren sechsstelligen Bereich angesiedelt sind, dann ist dieser Preis akzeptabel. Ein Meyersound Bluehornsystem kostet ähnlich viel und bietet m.E. weniger Klang.

Fazit:

Klangästheten mit dickem Geldbeutel, die ein besonderes Klangerlebnis suchen, das kaum zu toppen ist, sollten diesen Lautsprecher gehört haben, bevor sie dem Markenimage folgend zu Wilson, Magico oder gar Tidal greifen. Hier muss man noch deutlich mehr auf den Tisch des Hauses legen und hat wahrscheinlich weniger Klangerlebnis. Man muss dann allerdings wissen, dass man mit seiner Anlage nicht optisch protzen kann, weil man schlicht und ergreifend nichts von ihr sieht. Wisdom ist es gelungen, mit seinen PMD-Treibern ein Schallerzeugersystem auf die Spitze zu treiben, das m.E. herkömmlichen dynamischen Treibern, seien es Konusmembran oder Kalotte, überlegen ist. Einzig sehr hochwertige Horntreiber mit passenden Hörnern scheinen mir in der Lage zu sein, dem Paroli zu bieten. 

Zum Schluss noch eine Bemerkung, die sich hier aufdrängt. Wieder einmal wurde mir deutlich, was es für einen Unterschied zwischen „herkömmlichen“ Wohnzimmeranlagen und wirklichen Großsystemen macht. Ein Zwei-oder Dreiwegelautsprecher im Klein- oder Mittelformat kann nicht die akustische Anmutung eines großen Systems in großen Räumen erreichen, auch wenn noch so viel Gehirnschmalz in Entwicklung und Produktion geflossen sind. Das ist ähnlich wie der Unterschied zwischen einem VW Golf und einer Mercedes S-Klasse. Niemand würde behaupten, ein Golf sei ein schlechtes Auto. Auch der bringt einen überall hin, kann schnell fahren und schnell beschleunigen. Fährt man allerdings mit einer S-Klasse, weiß man sofort, wo die Unterschiede liegen.

Viele Grüße Andreas

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