Subjektive Hörberichte und Hörvergleiche von HiFi-Enthusiasten
Subjektive Hörberichte und Hörvergleiche von HiFi-Enthusiasten

Orishorn 150

da bin ich wieder nach kurzer Pause. Der Grund für die Pause war ein Besuch in der Pfalz, da gibt es jetzt Weinfeste, aber auch eine Recherche meiner vergangenen Hörerfahrungen in Sachen DIY-Lautsprecher. Um die soll es nämlich in den nächsten vier Berichten gehen. Thomas fragte ja nach „bezahlbaren“ Vorstellungen, und diesem Wunsch komme ich zumindest in zwei meiner DIY-Vorschläge nach. Zunächst aber erst einmal ein kostspieliges DIY-Projekt. Es handelt sich um ein Orishorn mit 8“ Breitbandtreiber und separater Bassunterstützung durch einen 15“ Bass.

Konkret geht es um das größte Orishorn das Orishorn 150, wobei 150 für die untere Grenzfrequenz des Horns steht.

Der Entwickler ist der Holländer Bert Doppenberg. Bert ist ein Kenner der Materie. Ich habe damals mehrfach mit ihm telefoniert und gemailt. Der Mann weiß, wovon er redet und ein Besuch auf seiner Website lohnt sich immer.

Bevor ich aber anfange, zunächst ein paar Bemerkungen zu DIY- Lautsprechern. Die Anzahl solcher Projekte ist schier unendlich, ebenso die Spanne bezüglich des Preises aber auch der Qualität. Selbst hinreichend genau vorgegebene Pläne werden von Anwendern manchmal verschlimmbessert, im Glauben, noch etwas besser machen zu können. Meist wird dabei vergessen, dass sich die Entwickler der Bauvorschläge schon etwas dabei gedacht haben. Und so ist es dann nicht verwunderlich, dass Selbstüberschätzung gepaart mit falschem Ehrgeiz oft zu Ergebnissen führen, die den Bauvorschlag in Misskredit bringen, obwohl die Schuld für Missklang viel eher bei dem unkundigen Erbauer liegt. Es ist schwer, so etwas dann zuzugeben. Nicht umsonst geht es in typischen DIY-Foren auch manchmal hoch her.

Meine Schilderungen gelten jeweils nur für die Variante, die ich gehört habe und die sich mit dem Original deckt. Deshalb unterlasse ich es auch, vielleicht zum Leidwesen mancher, einen Bericht über ein Satohornprojekt zu schreiben. Dieses war vom Erbauer derart modifiziert, dass ich meine Eindrücke nicht guten Gewissens hier beschreiben möchte, obwohl ich es mehr als zwei Stunden hören konnte.

Im Zentrum des Oris-Lautsprechers, um den es hier geht, steht natürlich das Horn selbst. 

So ungefähr sahen die Lautsprecher aus.

Es ist sehr beeindruckend vor einem 77 cm Horntrichter zu stehen. Noch beeindruckender war für mich die Kenntnis, dass als Treiber kein geringerer als der AER BD2 8“ Breitbänder zum Einsatz kam. Der BD2 ist das mittlere Modell von drei Modellen und beeindruckt mit hervorragenden Daten und Messwerten. So werden dem BD2 locker 20 kHz und eine Auslenkung von 5 mm PtoP bescheinigt, was ihn von Vielen seiner Mitbewerber unterscheidet. Da kann auch Lowther nicht ganz mithalten. So war es nicht verwunderlich, dass in dem von mir gehörten Lautsprecher der BD2 mit Hornunterstützung bis 200 Hz spielte, was den gesamten Lautsprecher zu einem waschechten F.A.S.T.-Lautsprecher machte (F.A.S.T. = Fullrange and Subwoofer Technologie). Der Vorteil der FAST-Technologie ist die Punktschallquelle über einen breiten Frequenzbereich.

Nun zum Bass. Da gibt es viele Möglichkeiten, das Horn mit dem 8“ BB zu verheiraten. Ich nenne hier nur die vier wichtigsten. Allen vier gemeinsam ist die Verwendung eines hart aufgehängten 15“ Basstreibers hoher Qualität.

  • Klassische Bassreflexbox
  • Onkenbass
  • Klipsch La Scala Bass
  • VOTT Bass (A7), eine Kombination aus einem kurzen frontloaded Horn und Bassreflex

Selbstverständlich geht auch ein Eckhorn à la Klipschorn.

Ich habe die Variante mit einem klassischen Bassreflexbass gehört. Das ist auch gleichzeitig die Variante, mit der man die wenigsten Fehler machen kann und die am preiswertesten und für den Bastler, wenn überhaupt, am einfachsten herzustellen ist. Einen VOTT Bass herzustellen, ist selbst für den geübten Hobbyschreiner nicht ganz einfach. Hier würde ich den Weg zu einem guten Schreiner empfehlen.

Gehört habe ich bei AES in Kassel. Begrüßt wurde ich von Peter Frank, dem Mastermind der Firma, der mit viel Enthusiasmus seinen Lautsprecher vorführte. Die Treppe hinunter und Platz nehmen. Vorher jedoch ein paar technische Erläuterungen. Das System lief vollaktiv ohne DSP mit analoger 2-Wegeweiche. Die Endstufen sind mir nicht mehr bekannt. 

Schon nach den ersten Takten war klar, dass man es praktisch mit einer Punktschallquelle zu tun hatte. Die Räumlichkeit war präzise, die Sprachverständlichkeit verblüffend. Patricia Barber, The Beat Goes On von der CD Companion, glich dann auch einem Eintauchen in die Clubatmosphäre, in dem dieser Livemitschnitt aufgenommen wurde. Live at the Green Mill, eine Bar und ein Jazzclub in Chicago. Hintergrundgeräusche, Flaschenklirren, alles war wie zum Greifen nahe. Der Bass knochentrocken, wie man es eben von einem 15“ Profitreiber erwartet. Die Ankopplung gelang auch ohne DSP ohne Schwierigkeit. Pegelgrenzen scheint der Breitbänder nicht zu kennen. Warum auch, bei einem Wirkungsgrad von 104 dB bei einem Watt genügen schon ein paar lumpige Watt, um ein Inferno zu entfachen. Der Bass muss das mitmachen, was aber bei gebotener Qualität selbstverständlich sein dürfte.

Wie bei allen mir bekannten 15“ Bässen dieser Bauart fehlte es auch hier an wirklichem Tiefbass. Gefühlt war bei ca. 40 Hz Schluss, was aber während der Vorführung den Genuss kaum beeinträchtigte. Was der Breitbänder ohne Zweifel kann, ist Dynamik. Snare Drums verschiedener Jazzeinspielungen platzten förmlich aus den Hörnern. Es war ein Genuss, dieser Lässigkeit in der Wiedergabe zu lauschen. Eine Gepresstheit im Klang gepaart mitunter mit deutlichen Dopplereffekten durch zu viel Hub im Bass, wie man sie von Breitbandkonstruktionen im Fullrange bei backloaded Hörnern bei höheren Pegeln kennt, traten nicht auf. Die Begrenzung bei 200 Hz machte sich hier wohltuend bemerkbar. 

Große Chöre, eine unüberwindliche Hürde für viele kleinere Lautsprecher, stellte das Orisprojekt nahezu perfekt in den Raum. So z.B. Mahler, Sinfonie Nr. 8 (Symphony of a Thousand) Telarc CD-80267 oder Brahms, Ein Deutsches Requiem Telarc-CD 80092. Allerdings war die große Orgel, die bei beiden Aufnahmen gespielt wird, nicht mit der Macht spürbar, wie es hätte sein müssen. Es fehlt eben die unterste Oktave, die gerade bei Orgelmusik so ungemein wichtig ist. Trotzdem, das war große Klasse um nicht zu sagen fast schon großes Kino. Ein Test für die Verfärbungsarmut ist eine eher unbekannte Aufnahme von Telarc, Williams, Fantasia on a Theme by Thomas Tallis, Telarc-CD 80059. Ich kenne nur wenige Aufnahmen, in denen die Streicher so zart und mit so viel Schmelz spielen. Hier konnte der Breitbänder trotz seiner Klasse einen gewissen Hang zum Nasalen nicht verleugnen. 

Verlockend war dann der Preis, den mir Peter Frank für das Vorführmodell inkl. Frequenzweiche in Aussicht stellte. Aber da ich wusste, dass ein guter Kompressionstreiber an einem Horn noch explosiver und dynamischer zu Werke gehen kann, verwarf ich den Gedanken und das Angebot schlussendlich.

Womit wir wieder beim Preis wären. Listen wir nur einmal die aktuellen Materialkosten auf.

  • 3000 € pro AER BD2
  • 500 € pro Oris 150
  • 500 € pro Basstreiber
  • 1000 € pro Gehäuse (vom Schreiner)
  • 500 € Frequenzweiche

Macht zusammen ca. 10000 € mit Rabatt. Dazu kommen dann noch zwei Stereoendstufen und ggf. noch ein DSP. 
Man ist da schon in einer Preisliga, wo es gute Fertiglautsprecher gibt. Bedenkt man aber, was ein Fertiglautsprecher von einem „Highend“-Hersteller mit dieser exklusiven Bestückung kosten würde, wäre der Selbstbau ein Schnäppchen, denn da würde man im mittleren 5-stelligen Bereich liegen.
Natürlich geht es auch billiger. Wie Preise explodieren können, wenn bereits ein einziger Treiber ein paar Tsd. € kostet, weiß ich ja von meinen eigenen Lautsprechern. Ein Fostex Fe 206eN, ein Visaton B 200 oder gar ein Saba Greencone anstatt des AER, und die Sache wird schon sehr erschwinglich. Wie das dann klingt, weiß ich allerdings nicht.

Fazit

Für denjenigen, der Platz hat, Wert auf etwas sehr exklusives legt, wer Präzision und Raumabbildung an oberster Stelle sieht, für den ist diese Kombi ein sehr zu empfehlender Tipp. Er muss dann aber leichte Abstriche in Sachen tonaler Richtigkeit machen. Mit einem DSP ließe sich das wohl glätten. 
Finger weg von selbstgeleimten Bassgehäusen in der heimischen Garage. Das hat dieser Lautsprecher nicht verdient. Wer für das Gehäuse und das Horn noch einen edlen Lack wünscht und die passende Röhrenelektronik dazu gesellen möchte, landet dann auch schnell bei über 20 k€, was für ein DIY-Projekt sehr ambitioniert ist. Hätte ich mehrere Hörräume, wäre dieser Lautsprecher neben der Magnepan 20.7 ein Muss.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.