Subjektive Hörberichte und Hörvergleiche von HiFi-Enthusiasten
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Magnepan MG 20.7

Wie versprochen heute ein Bericht vom anderen Ende der Galaxie hochwertiger Lautsprecher. Ich schreibe über mein Erlebnis mit dem Magnepan MG 20.7, dem zweitgrößten Modell. Darüber rangiert nur noch der zweiteilige MG 30.7.

Die Firma Magnepan hat eine lange Tradition in der Herstellung großer, hochwertiger Magnetostaten. Meine ersten Erfahrungen gehen zurück in die 80er Jahre. Damals wie heute benötigt man zum Betrieb dieser Lautsprecher kräftige Endstufen, auch wenn der Wirkungsgrad heute nicht mehr so unterirdisch schlecht ist wie früher. 

Zunächst jedoch ein paar Erläuterungen zur Wirkungsweise dieser Art von Lautsprechern. Magnetostaten stellen neben den Elektrostaten eine Gruppe sogenannter Flächenstrahler dar. Kennzeichen dieser Lautsprecher sind große, teilweise riesige Membranflächen, geringer Hub und geringe Membranmasse. Weiterhin benötigen sie kein Gehäuse, nur einen möglichst steifen Rahmen, sie schwingen also frei und strahlen nach vorne und hinten in gleicher Weise ab. Alleine das lässt schon vermuten, dass wir einen luftigen und von jeglicher Gehäusebeeinflussung befreiten Klang zu erwarten haben. Auf weitere, weniger schöne, prinzipbedingte Eigenarten werde ich im Verlauf des Berichts eingehen.

Der MG 20.7 ist so groß wie eine Zimmertür, besteht aus einem Teil aber zwei Schallerzeugern, einem unechten Bändchen für den TMT und einem echten Bändchen für den HT. Bei einem echten Bändchen handelt es sich um eine schmale leitende Folie (häufig Aluminium), welches im Luftspalt eines Dauernmagneten (kleine Neodymstabmagnete) schwingt. Durch die niedrige Impedanz des Alubändchens werden solche Systeme eigentlich mit einem Übertrager betrieben, um eine vertärkertaugliche Impedanz zu erzeugen. Beim MG 20.7 nicht, warum auch immer. Anders beim unechten Bändchen (Quasi Ribbon Treiber). Hierbei handelt es sich eigentlich um einen normalen dynamischen LS, allerdings mit dem Unterschied, dass die Spule nicht kreisförmig auf einen Spulenträger aufgewickelt, sondern in Schlangenlinien (meanderförmig) auf der Membran selbst (zumeist Mylarfolie) aufgeklebt ist. Auch hier geht nichts ohne eine Vielzahl von Dauermagneten, die vertikal angeordnet sind. Aufgrund der Impedanz dieser „Spule“ kann das System ohne Übertrager betrieben werden. Auch Hochspannung von mehreren kV, wie bei einem Elektrostaten, ist nicht erforderlich.

Dieses Prinzip beherbergt prinzipielle Vorteile und zwar sowohl gegenüber Elektrostaten als auch im Vergleich zu konventionellen dynamischen LS. Während beim Elektrostaten die Folie selbst leitend bedampft ist und die leitende Schicht einem schleichenden Alterungsprozess unterliegt, haben wir dieses Problem beim Magnetostaten nicht. Gegenüber einem dynamischen LS wird beim Magnetostaten die gesamte Folie gleichmäßig angetrieben und nicht nur am Spulenträger. Auch eine immer kritische Zentrierspinne und eine Sicke entfallen. Auch parasitäre Schwingungen oder gar ein Aufbrechen kennt ein Magnetostat nicht. Alles in allem also der perfekte Lautsprecher… wenn da nicht die Größe der Membran selbst, der geringe Hub und der akustische Kurzschluss wären.

Ein ähnliches Verhältnis von Membranhub und Fläche kennt man vom Horn, nur dass hier die Fläche des Hornmunds und nicht die Membran des Treibers die wirksame akustische Fläche darstellt.

Genug der Technik, mein Weg führte mich nach Hamburg zum Taurus-Vertrieb, im Gepäck wieder meine CD’s, wo alle Testtracks enthalten sind, mit denen ich LS höre und beurteile. 

Vielleicht ist dem Leser schon aufgefallen, dass ich mich nicht damit begnüge, nur Musik zu spielen, die ein bestimmter LS auch kann. Aus meiner Sicht müssen LS in diesen Preisklassen und mit den Ansprüchen jedwede Art von Musik wiedergeben können, und zwar ohne nennenswerte Einschränkungen. 

Der Taurus-Vertrieb ist in einem schicken Gebäude untergebracht, und noch viel schicker ist der Vorführraum. Das Beste, was ich bisher außerhalb meiner eigenen vier Wände zu sehen und zu hören bekam. Sehr groß, geschätzt 80 qm und akustisch sehr gut, geschmackvoll und wohnraumfreundlich behandelt. Weder hallig noch studiolike zugestopft kam mir die Akustik im üblichen Vorgespräch vor, ein Eindruck, der sich beim Hören bestätigen sollte. Aber nicht nur der Raum, sondern auch die Aufstellung dieser großen Wände war durchdacht und der Größe des LS und Art der Dipolabstrahlung absolut angemessen. Der Abstand zur Rückwand betrug ca. 3-4 m, das Stereodreieck ca. 3 m, die LS angewinkelt.

Noch ein Wort zur verwendeten Elektronik. Da ließ der Chef nichts anbrennen. Wir hörten mit einer kompletten Soulution-Kette deutlich jenseits der 100 k€. Allein ein Monoblock schlägt mit 60 k€ zu Buche.

Die ersten vier Tracks waren

  • Bert Kaempfert, Africaan Beat, eine alte Zweimikrophonaufnahme vom genialen Toningenieur Peter Klemt im Polydorstudio Hamburg-Rahlstedt aufgenommen. Peter Klemt machte auch  die frühen Aufnahmen mit James Last (Happy Sound), ein Geheimtipp für jeden Audiophilen.
  • Doug MacLeod, Come to find
  • Renaud Garcia-Fons, Safran
  • David Roth, Where have all the flowers gone?

Allesamt akustische, eher ruhige Aufnahmen. Der Chef lobte meine Musikauswahl, was sich im weiteren Verlauf allerdings etwas ändern sollte.

Und in der Tat … mich haut es nicht so schnell vom Hocker und ich behaupte, eine gewisse Routine im Abhören von Musik entwickelt zu haben, aber derart in einen virtuellen Raum hineinprojiziert hatte ich das noch nicht gehört. Das Geschehen spielte sich virtuell mehrere Meter hinter der LS-Linie ab, vom Bass bis zu den Höhen, die mir einen Tick zu zurückgenommen erschienen, ein völlig bruchloses Klangbild. Jedoch bereits jetzt fielen mir zwei Eigenarten auf, die dieser Schallwandler bei jeder Art von Musik hat. Alles wirkte riesig, eine Band wirkt wie das Stabsmusikkorps der Bundeswehr, Gesangsstimmen kamen groß, zu groß wie ich meine. Dem spektakulären Auftritt tat das aber keinen Abbruch, es ist eher so, dass man sich in diese Art der Darstellung regelrecht verlieben kann, zumal sich die Schwerelosigkeit wie erwartet einstellte. Weitaus unangenehmer ist jedoch, dass die Bühnenform hufeisenförmig ist. Man muss sich das vorstellen, wie ein auf den Boden gelegtes Hufeisen mit der Öffnung zum Hörer hin. Die Musik beginnt links direkt an der Folie, wandert zur Mitte bis weit nach hinten, um sich dann wieder nach rechts in Richtung Folie zu verschieben. Ich ertappte mich mehrfach dabei, dass ich den Kopf so eindrehte, dass ich links und rechts hinter die LS sehen konnte, aber da war nichts. Alles klebte am Lautsprecher oder war in der Mitte weit hinten. So etwas muss man mögen oder zumindest akzeptieren.

Weiter ging es im Text.
Elbow, Starlings vom Livekonzert Jodrell Bank. Die abrupt einsetzenden und sehr dynamikstarken Trompeten veranlassten den Chef dazu, leiser drehen zu wollen. Ich entgegnete, ‚das müssen sie können‘, und es blieb bei dem Pegel. Kein Problem, das konnten sie auch. Natürlich auch hier die hufeisenförmige Anordnung.

Dann aber ging es den edlen Maggies langsam an den Kragen. Charly Antolini kam mit seinem Schlagzeug, der Percussion und dem E-Bass, und die Herrlichkeit begann, Kratzer zu bekommen.
Die Bassdrum wollte nun nicht mehr so tief runter, wie es sein muss. Auch die Dynamik wirkte eingebremst, je tiefer es nach unten ging. Bei Mari Boine, Gulan Du und Mighty Sam, Gone for good das gleiche Bild. Tiefbass mit Dynamik mögen und können die Maggies nicht. Da mögen professionelle Tester schreiben, was sie wollen. Auch der Chef räumte ein, dass Subwoofer jetzt eigentlich nötig wären. Ich konnte ihm nur zustimmen.

Der großen Kirchenorgel, gespielt von Gordon Turk, fehlte dann auch das markerschütternde Tieftonfundament, und die große Trommel auf Fanfare for the common man, Telarc CD-80076, wirkte dann auch eher wie eine Knallerbse. Sorry für den despektierlichen Ausdruck, aber wer so wie ich zwei 18“ Subwoofer am Start hat, muss diesen Eindruck gewinnen.

Ungeachtet dessen kann eine MG 20.7 einen Raum akustisch über die Maßen füllen. Der Raum wird nicht von zwei Scheinwerfern sondern von zwei warm weiß leuchtenden Glühbirnen gleichmäßig erleuchtet. Abbildungsschärfe, Fokussierung und glaubhafte Bühnendarstellung gehen anders. Aber wer will das schon, wenn alles andere dafür entschädigt. 

Nun zum Preis. 25 k€ stehen zu Buche für ein Paar MG 20.7. Gönnt man sich zwei gute Subwoofer dazu, werden es dann auch schnell mal 35 k€, die Verstärker kommen dann noch dazu. Die Frage, ob es in dieser Preisklasse Alternativen gibt, stellt sich für den potenziellen Käufer nicht, denn wer eine MG 20.7 will, will die und nichts Anderes.

Zum Schluss noch ein paar Auszüge aus Testberichten, unkommentiert.

„Ohne auf den typischen Punch von klassischen, in MDF-Kabinetten eingesetzten Woofern abzuzielen, lässt es die 20.7 weder an Bassfülle noch -kontur fehlen.
Diese Faszination kann Magnepans Große…bei praktisch jeder Musik vermitteln, wobei wir sie nicht mit Hardrock vergewaltigten.
Der Zauber, den die Amerikanerin bei dezent aus der Saaltiefe heraus leuchtenden Celli und Kontrabässen sinfonischer Orchesteraufnahmen erzeugt, ist nur mit dem Kribbelnder Gänsehaut zu beschreiben.“
„Of course, this bass reproduction still may not satisfy everyone. In my room, I seem to have substantial output to at least 25Hz. While I do not really feel that anything is missing, I have some recordings that contain information below 25Hz.
The 20.7s certainly exhibit tighter and more transparent bass than most dynamic speakers, but I believe that as the frequencies go below about 50Hz, well-designed cone subwoofers may offer a slightly greater degree of control, punch, and certainly greater extension. Yet the bass from the 20.7s is so satisfying overall, I would not think of attempting to mate a subwoofer to these speakers. One of the goals of adding good subwoofers is to obtain a larger sense of the space of the venue. The bass of the 20.7s is certainly more than adequate to accomplish most-to-all of that goal, without the need for subwoofers.“

Fazit

Mit dem Magnepan MG 20.7 hat man einen faszinierenden, gar charismatischen, in jeder Hinsicht majestätischen, jedoch tonmeisteruntauglichen Lautsprecher mit Suchtfaktor. Trotz seiner punktuellen Schwächen kann er mit einer Wiedergabe begeistern, der ihn von herkömmlichen dynamischen LS auf den ersten Ton unterscheidet. Mit einem Liebhaber dieser Art von Reproduktion braucht man nicht zu streiten. Entweder man sagt dazu ja oder man lehnt es ab. Man braucht allerdings einen adäquaten Raum, um diesen LS zur Geltung zu bringen. Mein Raum von rund 53 qm würde ausreichen, viel weniger sollte es aber nicht sein. Das Gute ist, dass Magnepan auch kleinere und deutlich günstigere Modelle mit ähnlichen Genen im Angebot hat. So kostet ein Paar MG 1.7i derzeit nur 3548 €. Mit zwei aktiven 12“ Subwoofern liegt man unter 10 k€ und befindet sich klanglich in einer Art Alice im Wunderland. Alles etwas irreal aber toll.

Schöne Grüße
Andreas

Beitragsbild: “Magnepan Magnepalar 1985” by Nesster is licensed under CC BY 2.0 

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