Subjektive Hörberichte und Hörvergleiche von HiFi-Enthusiasten
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Jericho Horn

Wie angekündigt bespreche ich heute einen Lautsprecher aus dem DIY, der preislich in einer ganz anderen Liga spielt, als die bisher von mir besprochenen. Ich kann deshalb viel über ihn schreiben, weil ich ihn über mehrere Jahre selbst betrieben habe und weil er zu den Lautsprechern gehört, die mir am meisten Spaß in meiner Hifi-Karriere gemacht haben. Es handelt sich um einen Klassiker, das Original Jericho Horn von Bernd Timmermann, Klang&Ton, aus dem Jahre 1996. 

Auf Original lege ich deshalb so viel Wert, weil es mittlerweile zahlreiche Variationen und Derivate dieses Bauvorschlags gibt, die sich aber immer noch Jericho Horn nennen. Den damaligen Treiber, einen Fostex 208 Sigma, ein 8“ Breitbänder mit Schwirrkonus, bekommt man nur noch gebraucht. Fostex hat die Produktion schon lange eingestellt, was viele Freaks bedauern, denn dieser raue Geselle war wie geschaffen für dieses backloaded Horn mit Spaßfaktor.

Meine erste Begegnung mit dem Jericho Horn hatte ich 1997 bei Uwe Kähler in Dorsten. Uwe war damals freier Rezensent bei Klang&Ton. Aufmerksam wurde ich durch die Zeitschrift, die ich damals regelmäßig las. 

Bereits die ersten Takte, die aus dem Horn kamen, waren für mich wie ein Befreiungsschlag von den Audiodata Lautsprechern, die ich damals hatte und die von Peter Schippers, seinem Klangideal folgend, zu Tode linearisiert waren. Ein Wirkungsgrad von 78 dB bei der Audiodata Mignon spricht Bände. Auch die große Cadeau, die ich eine Zeit lang hatte, war nicht viel lebendiger. Nicht so das Jericho Horn. Satte 96 dB liefert der Fostex 208 und dank backloaded Horn setzt sich das bis in den Bassbereich fort.

Diese Lautsprecher musste ich haben, auch wenn sie recht groß und schwer waren, eigentlich zu groß für ein Wohnzimmer, in dem ich damals noch hörte, aber ich konnte mich durchsetzen.
Das Innenleben dieses Horns nachzubauen traute ich mir nicht zu. All diese vielen Gehrungsschnitte und exakt einzuhaltenden Winkel des Hornverlaufs ließen mich den Weg zu einem Schreiner finden, dem ich den Bauplan von Herrn Timmermann gab. Nach kurzer Zeit hatte ich die Rohgehäuse aus MDF, nur die Seitenwand war nach Abschluss der Innenarbeiten noch aufzuleimen.

Zwischenzeitlich waren auch die Treiber eingetroffen. Bei einem kurzen Check im ausgebauten Zustand brüllten die mir entgegen, denn ich hatte den Volumenregler noch in der Stellung, mit der ich die Audiodatas gehört hatte. Begeisterung kam auf. Nachdem alles exakt nach den Vorgaben von Timmermann finalisiert und zusammengebaut war (die Druckkammerbedämpfung ist wichtig), dann der erste Soundcheck ohne den empfohlenen Sperrkreis. 

Ich fühlte mich sofort an den damalige Testbericht erinnert, worin ungefähr sinngemäß stand…kann einen Traktor naturgetreu durchs Zimmer fahren lassen. Meine Kebschull Röhrenmonos waren nun nicht mehr überfordert, sie spielten geradezu mit den Jerichos.

Es folgten nun ca. 8 Jahre, die ich mit diesen Lautsprechern verbrachte. Ich experimentierte mit verschiedenen Sperrkreisen, die den Mitteltonbuckel glätten, mal schärfer, mal gar kein Sperrkreis. Ich hatte den sinniger Weise außerhalb der Box in den Signalweg eingeschleift. So konnte ich immer ohne Aufwand Veränderungen vornehmen. Vom billigen WIMA-Foliencap, über Mundorf, Solen, Jensen, ja selbst ein milchkannengroßer Öl-/Papier-C, NOS, wurde probiert. Doch Begeisterung und Experimentierfreude bei Seite, ich komme jetzt zu einer objektiven und nüchternen Klangbeschreibung, die letztlich auch dazu führte, mich wieder von den Jerichos zu trennen.

Die Jerichos erinnern mich an die La Scala (passiv), Spaßfaktor ohne Ende aber auch signifikante Fehler.

Was sofort auffällt, wenn man von herkömmlichen 2-oder 3-Wege Lautsprechern kommt, ist die ungemeine Lockerheit und Dynamik, den dieser Treiber entfachen kann. Laut, ja sogar vorlaut kann er, v.a. wenn man ohne Sperrkreis hört. Bei passender Musik vermisst man ihn kaum, bei akustischer, gar klassischer Musik klingt es ohne Sperrkreis allerdings unerträglich. Die Mitteltonverfärbung ist unüberhörbar. Der Bass ist wuchtig, extrem schnell bis hinunter zu 45 Hz, allerdings sehr wellig und unausgewogen. Dröhnfrequenzen wurden mit Kissen im Hornmund gebändigt, was aber zu Lasten des Tiefgangs, der Lockerheit und Dynamik ging.

Mit DSP, was ich damals noch nicht kannte, wäre das heute wohl kein Problem mehr. Die Stärke war zweifellos der Mitteltonbereich, der zu Gunsten einer Allroundfähigkeit den empfohlenen Sperrkreis haben musste. Im Hochton sehr präsent, wenn auch etwas scharf, gemessen an guten Hochtönern, wie ich sie heute kenne. Die Musik spielte locker, unkomprimiert und mit sehr guter Räumlichkeit. Die Punktschallquelle war hier im Wesentlichen verantwortlich.
Das alles gilt aber nur bis hin zu einer gehobenen Lautstärke. Wurde es richtig laut, lauter als es vielen Musikhörern lieb ist, kippte das Klangbild plötzlich ins Gepresste. Vorbei war es mit der tiefen Räumlichkeit. Das Bild wurde flach und angestrengt. Der 8“ war an seinem Limit.

Desaströs wurde es, wenn sehr tiefe Frequenzen den Fostex malträtierten. Die Membran machte dann das, was sie eigentlich nicht kann, nämlich sichtbaren Hub (Xmax = 0,75 mm). Das Horn leistete keinen Strahlungswiderstand mehr, war quasi offen und die Membran des Fostex flatterte unkontrolliert hin und her und bewegte nur noch Luft. Die Folge war u.a ein deutlich hörbarer Dopplereffekt, die Spule bewegte sich nicht mehr kontinuierlich im Magnetfeld und an guten Klang war dann nicht mehr zu denken. Das alles störte mich lange Zeit herzlich wenig, weil eben alles andere gut und so schön anders war.

Mein Musikgeschmack änderte sich dann auch den Stärken der Jerichos folgend. Funk, Rock und Jazz standen von nun an mehr und mehr auf dem Programm, Musikrichtungen, die dem Lautsprecher liegen. 

Zwischenzeitlich hatte ich das Gehäuse der Jerichos mit schwarzem Polyesterlack veredeln lassen, was den schnellen Verkauf förderte. Ich ließ sie nur ungern ziehen, aber es musste sein.
Was tun, wenn man heute so ein Horn selber bauen will? Man kann sich an einen der Lautsprecherselbstbaushops wenden, die jerichoähnliche Bauvorschläge anbieten. Man kann sich auch den Originalplan besorgen.

Als Treiber wird Vieles angeboten, Ciare, Tangbang oder auch ein Fostex 206e. Man sollte da vorsichtig sein. Bei einem backloaded Horn ist der Gesamtgütefaktor des Treibers für die Bassperformance sehr wichtig. Der 208 Sigma hat einen sehr niedrigen Qts von 0,19 und das Basshorn ist darauf abgestimmt. Bevor ich aber noch mehr dazu schreibe, hier zwei gute Websites für potenzielle Nachbauer.
http://www.plasmatweeter.de/jericho.htm
http://rutcho.com/speaker_drivers/fostex_fe_208_sigma/fostex_fe_208_sigma.html

Zum Preis. Treiber und Gehäuse, roh, vom Schreiner kosten ca. 2 k€/Paar. Zwei Sperrkreise mit guten Bauteilen ca. 50 €. Alles andere ist Kür.

Fazit

Das Jericho Horn ist ein großer Männerlautsprecher mit enormem Spaßfaktor. Immer irgendwie pubertär und etwas großmäulig daherkommend. Eine kleine Röhrenendstufe ist ausreichend und ideal für das Klangbild. Klassik und Tiefbass sind nicht seine Stärken. Auch wenn der Lautsprecher richtig laut kann, werden doch ziemlich abrupt seine Grenzen hörbar. Mittenauflösung, Räumlichkeit und Sprachverständlichkeit gehören ebenso zu seinen Stärken wie eine Dynamik, die er eben mal so aus dem Ärmel schüttelt.
Wer bereits gute Hornlautsprecher besitzt oder zumindest vom Klang her gut kennt, wird an diesem Lautsprecher eher keinen Gefallen finden, denn das Aha-Erlebnis bleibt dann aus. Dieser Lautsprecher ist ideal für Leute, die mal ein paar Jahre lang Urlaub von üblicher Hifikost machen wollen. Einen Weg zurück wird es dann nicht mehr geben. Ich selbst habe diese Zeit nie bereut.

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