Subjektive Hörberichte und Hörvergleiche von HiFi-Enthusiasten
Subjektive Hörberichte und Hörvergleiche von HiFi-Enthusiasten

Alcons CRMS mk II

Wenn man sich Lautsprecher anhört, macht es einen großen Unterschied, ob man Kaufabsichten hat oder nur mal so, um seinen Erfahrungshorizont zu erweitern. Wer Kaufabsichten hat, bei dem ist bereits der Preis ein limitierender Faktor. Weiterhin spielen Form, Design und Größe eine vorentscheidende, wenn nicht gar entscheidende Rolle. Warum sollte man sich mit Lautsprechern befassen, die man weder bezahlen noch vernünftig aufstellen kann? Also wendet man seinen Blick an solchen Exemplaren vorbei und richtet ihn auf das Realisierbare. Man hört sich schön, was man umsetzen kann und übersieht dabei, dass es abseits dessen Hochinteressantes zu entdecken gibt, was bei offenerer Herangehensweise dann doch machbar wäre.
Anders ist es, wenn man „nur“ aus Interesse hört. Preis, Größe und Design spielen keine Rolle, was die Frau sagen würde, ohnehin nicht, und so ist der objektiven Betrachtung und Bewertung keine Grenze gesetzt. Ein bisschen so ist es mir ergangen, und schlussendlich wurden daraus die Lautsprecher, die ich jetzt habe. Ich hätte die eigentlich nie auf dem Schirm gehabt. Es lohnt sich also durchaus, den Blick zu weiten, ohne allerdings völlig das Augenmaß zu verlieren. Ein Mitstudent aus frühen Hifitagen besaß eine 30 000 DM Anlage und pennte auf einer Matratze. Mehr Einrichtung konnte er sich nicht leisten.

Bei der Wahl zur heutigen Lautsprecherbesprechung stellte ich mir die Frage, ob ich einen veritablen Mitbewerber zum Bohne BB 15 aus derselben Sparte wählen soll, oder ein krasses Gegenstück, sozusagen das andere Ende der Welt in Sachen hochwertiger Lautsprecher.
Ich entschied mich für den Mitbewerber, um die Kontinuität zu wahren. Der Gegenpol kommt beim nächsten Mal.
Ich schreibe heute über den Alcons CRMS mk II.

Die holländische Firma Alcons, ansässig im Ort Zwaag, ist in Hifikreisen weitgehend unbekannt. Mir ist kein Ranglistenplatz unter den „Bestenlisten“ oder ein Test in einer Hifizeitschrift bekannt. Das liegt daran, dass Alcons nicht für den Hifikunden entwickelt und produziert, sondern für den PA- und Cinemamarkt, sowie Postproduction. Dort hat sie einen herausragenden Ruf, und nicht zuletzt deshalb ist sie z.B. in der Elbphilharmonie präsent.

Der CRMS mk II ist dann auch einer der wenigen wohnraumtauglichen Fullrange-LS, den Alcons in seinem breiten Programm hat. Es handelt sich um einen teilaktiven, klassischen Dreiwegelautsprecher mit eindeutigen PA-Genen, bei dem wohnzimmerfreundliches Design eine untergeordnete Rolle spielt, obwohl er einen noch machbaren Fußabdruck hinterlässt. Das Montageteil, mit dem das Topteil auf dem Bassgehäuse befestigt wird, wirkt leider wie ein Teil aus dem Baumarkt. Man sollte sich daran aber nicht stören, da das keinen Einfluss auf den Klang hat. Im Gegenteil, durch das Scharnier kann man das MHT-Teil exakt vertikal auf den Hörplatz ausrichten, ohne den LS ankippen zu müssen. Weiterhin kann man den LS in nahezu allen RAL-Farben bekommen.

Im Bass arbeitet ein hart aufgehängter 15“ PA-Treiber mit 4“ Spule. Dieser wird aktiv von einer externen Endstufe angesteuert. Im MHT mit eigenem Gehäuse ein 8“ PA-Konuschassis und, als Besonderheit, ein Hochleistungsbändchen, auf dem Alcons ein Patent hält.

Dieses soll je nach Größe einen SPL von bis zu 145 dB zwischen 1 kHz und 20 kHz abliefern können. Getrennt wird natürlich höher. Man geht, und das weiß man bei Alcons ganz genau, sinnvollerweise nicht bis an die maximale Grenze. Der MHT wird ebenfalls von einer externen Endstufe befeuert und intern passiv getrennt, deshalb teilaktiv.

Da die deutsche Alcons Audio GmbH in Wedemark bei Hannover angesiedelt ist, war der Weg zu mir nicht sehr weit und ich konnte den Vertrieb überreden, einen ganzen Tag in meinem Heimauditorium zu verbringen.

Als der Kombi vorgefahren war, dachte ich, dass erst einmal eine Schlepperei angesagt wäre. Doch ganz im Gegenteil. Die vier Teile waren überraschend leicht, wie häufig im PA, die dazugehörige Endstufe Sentinel 3 mit DSP, ohne die nichts geht, und ein paar Kabel. Alles war in Kürze aufgestellt und angeschlossen. Es konnte losgehen. Vorher jedoch noch ein Vortrag des Alconsmitarbeiters über das System an sich. Ich erfuhr, dass Alcons den LS ausschließlich mit der hauseigenen Endstufe Sentinel und hauseigenen Spezialkabeln mit separater Sensorleitung verkauft. Das hat seinen Grund, denn in der Endstufe sitzt eine Sensorregelung auf Gegenkopplungsbasis, die die Treiber in ihrem Tun überwacht und den Bass mit einem Dämpfungsfaktor von 10 000(!) im Zaum hält. Das alles ließ Präzision erwarten.

Es sollten nun die bekannten Testtracks nacheinander abgespielt werden. Bereits beim aller ersten Titel dachte ich, das Setup sei defekt. Ich schaute den Mitarbeiter an und wollte ihm andeuten, dass die Session abgebrochen werden könnte, schlug aber als letzte Chance vor, den LS mit Sonarworks zu vermessen, was ca. 30 min. in Anspruch nahm. Die Ursache für das Desaster war dann auch schnell gefunden. Das Vorführpärchen ist ständig im mobilen Dauereinsatz und irgendjemand hatte dem DSP ein Setup verpasst, das völlig verbogen war. Ein breiter Bassbuckel von fast 10 dB bis in den MT-Bereich und danach eine tiefe Senke. Schlamperei! So etwas überprüft man vorher.

Der Alconsmitarbeiter korrigierte dann das Schlimmste im Sentinel-DSP und ich danach nochmal fein mit Sonarworks. Es konnte also erneut beginnen.

Oh Gott, was für eine Dynamik und Sauberkeit. Charly Antolinis Duwadjuwanadu von der CD Knock Out 2000, die ersten Sekunden ein Beckengewitter aus dem linken Kanal. So sauber kannte ich das bis dato noch nicht. Phänomenal, was dieser HT hervorbrachte. Drumschläge kamen unmittelbar und körperlich erfahrbar. Pegelgrenzen schienen keine Rolle zu spielen, wenngleich wir zu keiner Zeit diese Wahnsinnspegel eines Herrn Bohne spielten. Dann gemäßigtere Musik, Gesangsstimmen. Patricia Barber, Barb Jungr, Beautiful Life, Cassandra Wilson usw. Der CRMS mk II machte Schluss mit dem Vorurteil, dass PA-Lautsprecher, denen Highend angeblich egal ist, nur laut können. In Wahrheit ist es so, dass hochwertige PA-Lautsprecher highend so ganz nebenbei und automatisch machen. Umgekehrt kann man das nicht sagen. Einige Highend-LS, die ich hier nicht erwähne, würden kaputt gehen oder ganz abrauchen, wenn sie im PA-Bereich eingesetzt würden.

So landeten dann auch fiese Bassdrumschläge ohne Umwege in der Magengrube, kurz, trocken und fertig. Marcus Miller’s E-Bass kam knackig und konturiert. Ein Hoch auf 15“ PA-Bässe!
Jedoch bei allen Meriten, Tiefbass ist physikalisch bedingt auch hier Fehlanzeige. Ob mit oder ohne Entzerrung, der – 3 dB Punkt liegt bei exakt 45 Hz (in meinem Raum), darunter geht es steil bergab. Bei 30 Hz hatten wir – 18 dB, 20 Hz waren nicht mehr messbar. Das stört beim Großteil der Musik überraschend wenig. Wer allerdings Alles will, wird um sehr potente und schnelle Subwoofer nicht herumkommen.  Alcons hat dazu einen passenden Subwoofer im Programm, den CRMS LFE18. Eine untere Grenzfrequenz von 11 Hz und – 10 dB bei 21 Hz sollten genügen, um den Boden zum schwingen zu bringen. Allerdings ist zum Betrieb von zwei dieser Sub’s eine zusätzliche Sentinel 3 Endstufe erforderlich. Alcons überlässt eben nichts dem Gutdünken des Anwenders. Vorsicht ist jedoch geboten. Nicht jeder Raum verträgt derartigen Tiefbass, und viel bringt viel ist dann nicht mehr die Alternative der ersten Wahl.

Bei dieser Vorführung spielte ich das erste Mal mit dem Gedanken, meine aktivierten La Scalas, die ich da noch hatte, gegen ein Paar CRMS mk II auszutauschen. Doch mein gesamter Elektronikpark hätte ebenfalls weichen müssen. Alcons ist da beinhart und konsequent. Man will seine Produkte nicht durch unpassende Elektronik in Verruf bringen. Irgendwie verständlich.
Beim Hören dieser LS wurde mir klar, wie gut eine La Scala klingen kann, wenn sie aktiv angesteuert  und mit DSP korrigiert wird. Der CRMS mk II konnte sich nicht entscheidend absetzen, auch wenn der Bändchenhochtöner dem kleinen schlichten 1“ Horn der La Scala überlegen ist. Im Gegenzug konnte die La Scala die Musik noch etwas besser von den LS lösen, worauf ich sehr viel Wert lege.

Ein Vergleich mit dem Bohne BB 15 drängt sich an dieser Stelle auf. Überzeugt der BB 15 durch sein hemmungsloses, spektakuläres Auftreten, so fügt der CRMS mk II noch einen Schuss mehr Kultiviertheit und Homogenität im MT bei, ohne dies jedoch mit geringerer Dynamik zu bezahlen. Auch der Bruch in der Abstrahlcharakteristik zwischen TT und HT fordert beim BB 15 seinen Tribut, der beim CRMS mk II konstruktionsbedingt nicht eingelöst werden muss. Wenn ich dann noch auf den Preis schaue…womit wir wieder beim Preisthema gelandet wären.
Alcons macht eigentlich kein Privatkundengeschäft, sondern B2B. Insofern gibt es keine veröffentlichten Endverbraucher-Preislisten. Der Mitarbeiter eierte dann auch erstmal eine Weile rum, bevor er mir einen ca. Preis nannte. Ausnahmsweise versteht sich. Also für das komplette Setup, einschl. Elektronik und Einmessung vor Ort wären ca. 17 k€ fällig geworden, jeweils hälftig für LS und Elektronik, was aber keine Rolle spielt, da man nur das Gesamtpaket bekommt. Das ist die Hälfte eines BB 15 Pakets!

Auf Zitate aus Testberichten müsst ihr verzichten. Ich kenne schlicht keinen Test über den CRMS mk II. Anselm Goertz hat 2016 in der Production Partner das Line Array Modul LR 18 von Alcons ausführlich besprochen, wie immer bestechend fundiert und nüchtern. Daraus kann man indirekt schließen, womit wir es bei dem CRMS mk II zu tun haben. Schließlich arbeitet dort der gleiche Hochtöner.

Fazit

Wer einen nicht zu kleinen Hörraum besitzt, 30 qm sollten es schon sein, und mindestens 3 m Hörabstand einhalten kann, wer gerne Livepegel hört, wer Dynamik liebt, für den ist dieser Eindringling in die Welt des Homehifi dringend zu empfehlen. Er braucht keine Angst zu haben, dass er sich diese Eigenschaften mit einem Mangel an Feinheit und Kultiviertheit erkauft. Der CRMS mk II kann alles, außer Tiefbass. Wer darauf verzichten kann bzw. solche Art von Musik gar nicht hört, wird einen absoluten Spitzenlautsprecher zu einem mehr als angemessenen Preis bekommen. Bedenkt man, dass man außer einem Zuspieler mit dem Gesamtpaket schon alles hat, um Musik auf höchstem Niveau zu hören, erscheint es geradezu günstig.

Grüße Andreas


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